warum schreiben?

Die Poesie der Physik

Als ich mich im Alter von 17 Jahren die Leistungskurse für mein Abitur wählen musste, wollte ich unbedingt Physik und Religion kombinieren – eine in meinem Jahrgang einzigartige Verbindung. Auf dem Informationsabend für die Eltern meines Jahrgangs warf der Schulleiter eine Folie mit allen möglichen Kombinationen an die Wand. Hinter meiner stand: „Schulwechsel?“.

In der Tat wechselte ich die Schule, weil ich nicht ablassen wollte von meiner wilden Idee, Physik und Metaphysik, also die ganze Welt, zu verstehen. Es musste doch möglich sein, sich weder dem Lager der mathematisch-naturwissenschaftlich interessierten Nerds noch dem literarisch-romantischem der angehenden Germanistik- und Philosophiestudenten zuschlagen zu lassen.

Sich nicht vereinnahmen lassen, das blieb auch mein Motto in mehr als 20 Berufsjahren, in denen ich verschiedene leitende Positionen in Verlagen und einem Industriebetrieb einnahm. Nie wollte ich einsehen, dass sich technische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen von einander trennen lassen. Nie wollte ich einsehen, dass die Schönheit der natürlichen, von Naturgesetzen geordneten Welt weniger wert sei als ein Gedicht. Und umgekehrt wollte ich die Wahrheit, die in Lyrik und Poesie steckt, nie im Sinne einer zweiten, weniger bedeutenden Wirklichkeit abwerten.

Für meine Zwiespältigkeit, Resultat meiner Suche nach dem Ganzen, musste ich mich von beiden Seiten, den Ingenieuren wie den Germanisten, oft kritisieren lassen. Eine prominente Zeit-Autorin bezeichnete mich gar als „technokratisch blind“, nur weil ich darauf beharre, dass die Gesetze der Physik auch für erneuerbare Energien gelten. Viele meiner Freunde sind Ingenieure, beargwöhnen jedoch meinen Hang zur Beschäftigung mit literarischen oder philosophischen Texten: „Was soll das bringen?“, fragen sie.

Die Frage ist weder schlecht noch unberechtigt. Denn einerseits bin ich felsenfest davon überzeugt, dass eine gerechte Weltordnung, in der neun oder mehr Milliarden Menschen in Wohlstand leben wollen, nur durch technischen Fortschritt möglich ist. Andererseits entscheiden Menschen eben nicht streng rational, sie sind fühlende Wesen. Und auch wenn das Gefühl immer wieder trügt, ist es als Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung nicht zu vernachlässigen. Abgesehen davon, dass uns naturwissenschaftliches Denken in den letzten Fragen oft nicht weiterhilft. Wir merken das spätestens, wenn ein enger Freund an Krebs erkrankt oder die eigenen Eltern sterben.

Nun also, meine Rolle in dieser Welt, mein Schreiben dient einem einzigen Zweck: Verständnis zu vermitteln für technisch-physikalische Zusammenhänge, die unsere moderne Welt prägen, und damit Hoffnung auf eine bessere Welt zu nähren, in der alle Menschen so leben können, wie wir es uns für uns selbst in Anspruch nehmen. Dabei will ich den Menschen, seine „Geworfenheit“ (Heidegger), nicht vernachlässigen. Ich meine, eine Synthese zwischen Physik und Metaphysik ist nach wie vor möglich. Nicht im Sinne einer Universaltheorie, die von Gott bis zur Photosynthese alles erklärt. Sondern in einem Nebeneinander, das die Gesetzmäßigkeiten der physischen Welt genauso erklärt (und bewundert) wie die unscharfe Wahrheit, der sich der Mensch in existenziellen Fragen stellen muss.

Kann die große Versöhnung gelingen? Letztlich bin ich mir nicht sicher, ob es viele Menschen gibt, die die Maxwell’schen Gleichungen und den humoristischen Blick Shakespeares auf das menschliche Dasein als gleichwertige kulturelle Leistungen ansehen. Das aber sind sie!

Johannes Winterhagen, im Dezember 2013

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