Energie-Welt voller Diskrepanzen

PARIS. Fast scheint es, als verstünde der Chef der Internationale Energie-Agentur, der wichtigsten globalen Organisation in Energiefragen, die Welt nicht mehr. Auf der Pressekonferenz zur Präsentation des „World Energy Outlooks 2019“ beklagte Fatih Birol drei große Diskrepanzen: Erstens sei der Ölpreis stabil, obwohl wichtige Förderländer wie Iran und Venezuela ihre Produktion deutlich drosseln mussten. Zweitens erreichte der CO2-Ausstoß aus dem Verbrennen fossiler Energierohstoffe im Jahr 2018 ein neues Allzeithoch, obwohl Regierungen überall auf der Welt sich offiziell gegen den Klimawandel stellen. Und drittens sei trotz der Rekordemissionen das Versprechen, allen Menschen den Zugang zu sauberer Energie zu ermöglichen, noch immer nicht eingelöst. 850 Millionen Menschen leben nach wie vor ohne Zugang zu Strom und 2,6 Milliarden Menschen kochen noch mit Naturbrennstoffen wie Holz oder Viehdung, was aufgrund der Feinstaubbelastung in vielen Entwicklungsländern eine der drei häufigsten Ursachen für verminderte Lebenserwartung darstellt.

Bildschirmfoto 2019-11-18 um 21.31.02Wie groß die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit beim Thema Klimaschutz ist, zeigte Birol anhand des Autos. Überall in den Medien sei über das Elektroauto als Maßnahme zum Klimaschutz zu lesen. In Wirklichkeit leiste der Trend zu großen und schweren SUV aber den zweitgrößten Beitrag zum Anstieg der Treibhausgas-Emissionen in den vergangenen zehn Jahren. Ihr Anteil am Zuwachs sei viel höher als der aller Industrieunternehmen oder der des Luftfahrtsektors. Während im Jahr 2010 der SUV-Anteil am globalen Automarkt noch 18 Prozent betrug, so die Energieagentur, wuchs er auf 42 Prozent im Jahr 2018 – ein durchgängiger Trend, der nicht nur in den USA, sondern auch in China, Indien, Europa und Afrika zu beobachten sei.  „Wir sehen auch hier die Diskrepanz zwischen den wissenschaftlichen Beweisen, den Haltungen von Regierungen und dem, was auf realen Märkten, im realen Leben passiert“, sagte Bihol.

Wohin eine Fortschreibung der Diskrepanzen führen würde, zeigt das „Weiter so“-Szenario der Agentur. Im Jahr 2040 betrügen allein die energiebedingten CO2-Emissionen mehr als 40 Gigatonnen jährlich, ein Zuwachs um fast ein Drittel. Und auch wenn nur die bereits angekündigten Klimaschutzprogramme umgesetzt würden, läge die globale Emission im Jahr 2040 noch höher als heute.  Allerdings, so das dritte Szenario der Energieagentur, sei es durchaus möglich, die Treibhausgas-Emissionen im gleichen Zeitraum mehr als zu halbieren. Das allerdings bedinge ein ganzes Maßnahmenbündel, wie Laura Cozzi aus dem Direktorium der Energie-Agentur erläuerte. Jeweils rund ein Drittel der Reduktion müsse durch Maßnahmen zur Energie-Effizienz, durch den Ausbau erneuerbarer Energieproduktion sowie durch weitere Maßnahmen wie das Recycling von Kohlendioxid aus Industrieanlagen und Kraftwerken – etwa zur Produktion von E-Kraftstoffen – erfolgen. „Um klar zu sein“, sagte Cozzi deutlich: „Es gibt keine Einzelmaßnahme, die es uns ermöglicht, die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen“. Wohl aber viele – und das macht es kompliziert, für den Konsumenten, Politiker und nicht zuletzt die Journalisten.  win

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