Buchmesse: Wenig Neues zum Klimaschutz

FRANKFURT AM MAIN. Der Klimawandel spielt im Herbstprogramm der großen Publikumsverlage derzeit noch eine untergeordnete Rolle. Das zeigt ein Rundgang über die heute eröffnete Buchmesse, dem wichtigsten Branchenevent der Verlagsbranche. Warum das so ist, wird an den Äußerungen des scheidenden Buchmesse-Chefs Jürgen Boos zur Eröffnung des Weltempfangs deutlich, einer Veranstaltungsreihe auf dem Messegelände, die vom Auswärtigen Amt ausgerichtet wird. Als man sich im Januar diesen Jahres für das Leitthema „Anthropozän“ entschieden habe, hätte noch niemand die Bedeutung des Klimawandels für den gesellschaftlichen Diskurs vorhersehen können. Viele der großen Verlage, die ihre Programme mit mindestens einem Jahr Vorlauf planen, haben dementsprechend auch nichts vorzuweisen. Symptomatisch ist die Reaktion bei Hanser, als ich nach Büchern zum Thema frage: Man verweist mich eher achselzuckend auf „Wildlife Gardening“, ein wunderschönes Buch des britischen Biologen und Bienenspezialisten Dave Goulson. Dessen Untertitel „Die Kunst im eigenen Garten die Welt zu retten“ entbehrt allerdings jeder politischen Komponente und ist deswegen schlicht nicht ernst zu nehmen.

Einen ähnlich individualistischen Lösungsansatz verspricht der bei Kiepenheuer & Witsch verlegte Jonathan Foer mit „Das Klima sind wir – Wie wir die Welt schon beim Frühstück retten können“. Foer, der mit einem Buch gegen die Massentierhaltung in Deutschland bekannt wurde, plädiert dafür, dass wir bis zum Abendessen auf den Verzehr tierischer Produkte verzichten sollen. Und auch wenn die Weltrettung so kaum gelingen dürfte: Seine lebendige Erzählweise fasziniert zumindest.

Foer selbst freilich bleibt der Buchmesse fern, ganz anders als der im gleichen Verlag untergekommene Sascha Lobo, der geradezu omnipräsent ist. In verschiedenen Foren macht er Werbung für sein neues Buch „Realitätsschock“, in der er mit der ihm eigenen Oberflächlichkeit zehn „Lehren“ aus der Gegenwart darbietet. Zu den Erkenntnissen gehöre, so Lobo auf einer Veranstaltung des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, dass wir uns alle hinsichtlich des Klimawandels geirrt haben. Wir hätten geglaubt, das Problem müsse irgendwann bis 2050 gelöst werden und würden erst jetzt merken, dass sofortiges Handeln notwendig sei. Nun ja, es gab Menschen, die das durchaus schon vorher erkannt haben…

Das Klimasachbuch mit dem höchsten Lesezwang-Faktor bringt Klett-Cotta. In „Vom Ende der Klimakrise – Eine Geschichte unserer Zukunft“ stellen Luisa Neubauer, führende Aktivistin von Fridays for Future, und Unterstützer Alexander Repenning die Gedankenwelt der jungen Generation vor.  Entstanden ist die Idee zu dem Buch schon, bevor Greta Thunberg mit ihren Schulstreiks begann. Man kann über viele Details ihrer Ausführungen streiten, aber damit man das kann, sollte man ihre Positionen und Denkweisen zumindest verstanden haben. Nicht zwingend ist das bei dem schlicht „Klima – eine neue Perspektive“ genannten Buch des Kulturphilosophen Charles Eisenstein, das im Europa-Verlag erscheint. Er sagt: „Es wird suggeriert, wir müssten nur zu anderen Treibstoffen wechseln oder Maschinen bauen, die das CO2aus der Luft filtern oder die Erde mit Windrädern, Solarpaneelen und Plantagen für  für Biotreibstoffe zupflastern, dann könnten wir unsere Zivilisation beibehalten und weiterhin die Natur ruinieren.“

Die literarischen Beiträge zum Klimawandel sind ebenfalls überschaubar. Neugierig bin ich auf zwei Titel, die mir im Vorübergehen in die Hände fielen: Burkhard Spinnen, bei Schöffling verlegt, erzählt mit „Rückenwind“ die Geschichte eines zunächst als Öko-Popstar gefeierten und dann scheiternden Windkraftunternehmers. Druckfrisch ist „Die letzten ihrer Art“ der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde, ein Roman, der im Jahr 2064 beginnt,  wenn Flüchtlingsbewegungen und ein siebenjähriger Krieg zu einem Kollaps der Zivilisation geführt haben. Von der Zukunft aus geht es in Rückblenden in unsere Gegenwart und die Vergangenheit. Lunde, die eigenen Angaben vor dem Schreiben mit Wissenschaftlern gesprochen hat, sagt ganz bescheiden: „Ich habe keine Antworten, sondern nur Fragen.“ Vielleicht bringt uns die richtige Art zu fragen manchmal weiter als manches scheinbar allwissende Sachbuch. win

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