Fahren oder doch lieber fahren lassen? Gedanken eines Abiturienten

FRANKFURT. Mein Ältester, im Mai 18 geworden, hat Abitur und Führerschein in der Tasche und ist damit für das Notwendigste im Leben gerüstet. Doch was denkt er über das automatisierte Fahren? Sein Kommentar:

Stolz sitze ich in meinem ersten eigenen Auto. Mit 100 Stundenkilometern rausche ich über die A66 bei Wiesbaden. Ich bin 18 Jahre alt, habe das Abitur in der Tasche und die Welt steht mir offen. Was gibt es da Großartigeres als ein Auto, mit dem man, wenn man möchte, auch bis nach China fahren könnte? Ich will gerade die Spur wechseln, da überholt mich ein anderer Pkw von rechts und zieht in einem Affentempo an mir vorbei. Puh, denke ich nur, das war knapp, und erwäge noch, ob es sich lohnt, dem Fahrer ein „Lern mal Autofahren!“ hinterherzurufen, als sich ein ganz anderer Gedanke zwischen meine Synapsen zwängt: Der Mensch, überlege ich, ist wohl der größte Risikofaktor im Straßenverkehr. Was wäre, wenn man diesen Faktor wie bei einer mathematischen Gleichung einfach rauskürzen könnte?

Ganz abwegig ist das nicht, schließlich sind die Nachrichten in letzter Zeit voll mit Schlagzeilen zum Thema „Automatisiertes Fahren“. Einerseits rührt Verkehrsminister Alexander Dobrindt kräftig die Werbetrommel für die selbstfahrenden Autos und pocht auf baldige Gesetzesreformen, andererseits schockieren Bilder von dem tödlichen Unfall mit einem Tesla-Autopilot in den USA. Automatisierung soll den Verkehr sicherer und umweltfreundlicher gestalten heißt es auf der einen, die Technik sei noch nicht ausgereift und ein unabwägbares Risiko auf der anderen Seite. Tesla-Chef Musk rechnet vor, dass es in den USA durchschnittlich mehr Verkehrstote pro gefahrener Strecke in herkömmlichen Pkw gäbe als in Tesla-Fahrzeugen. Wirklich vertrauenserweckend wirkt das nicht, zumal es sich bei dem „Unfall-Autopiloten“ um eine Beta-Version gehandelt haben soll. Die Straße als Versuchsfeld? Das kann kein geeigneter Ort sein. Auch in Deutschland erprobt Dobrindt das automatisierte Fahren in seinem Vorzeigeprojekt „Digitales Testfeld Autobahn“. Hier läuft das Ganze aber immerhin unter kontrollierten Bedingungen ab. Die Technik wird also noch ausgetüftelt und getestet. Kann ich als Autofahrer jetzt schon mein Leben einer Maschine anvertrauen? Und wer ist eigentlich Schuld, wenn doch mal etwas passiert?

Fragen über Fragen, die dringend geklärt werden müssen bevor die Gleichung gelöst werden kann. Dobrindt geht optimistisch davon aus, dass schon in fünf Jahren serienmäßig hochautomatisierte Fahrzeuge verkauft werden. Wenn das stimmen sollte, ist bis dahin noch einiges zu tun. Am rechtlichen Rahmen muss gefeilt werden, die Technik muss ausreifen und die Menschen an den Fortschritt gewöhnt werden. Das alles wird vermutlich länger als fünf Jahre dauern – und das ist gut so! Denn der einfachste Weg, das automatisierte Fahren Realität werden zu lassen, ist es, die unterstützenden Systeme im Auto Stück für Stück auszuweiten und zu verbessern. Solange bleibt der Fahrer noch der Herr über sein Fahrzeug und trägt die volle Verantwortung.

Langfristig kommt das automatisierte Fahren sicher, wenn dadurch die Unfallgefahr tatsächlich verhindert werden kann. Und vielleicht beginnt ein Text meines sechsjährigen Bruders in einigen Jahren dann mit folgenden Worten: „Stolz sitze ich in meinem ersten eigenen Auto. Mit 100 Stundenkilometern lasse ich mich über die A66 bei Wiesbaden rauschen…“ Carl J. Winterhagen