Blick in den Rückspiegel: Mein Jahr 2014

Januar: Um die Jahreswende recherchiere ich viel für ein Buch, das erst 2015 erscheinen wird: die Technikgeschichte der ZF, gegründet im Jahr 1915. Auf meinen Reisen nach Friedrichshafen und an andere Standorte spreche ich mit vielen langjährigen Mitarbeitern, fast ausnahmslos Ingenieuren, die das Unternehmen geprägt haben. Im Laufe der Gespräche verstehe ich, was diesem Vorzeigeunternehmen des deutschen Maschinenbaus das Überleben gesichert hat: Systematisch und stetig wurde das zweifelsohne hohe feinmechanische Know-how um elektrotechnisches Wissen erweitert. Im Sommer überrascht mich die Meldung trotzdem: ZF will den US-Elektronikzulieferer TRW übernehmen. Ein konsequenter Schritt, erweitert er doch das Portfolio um das Zukunftsthema Fahrerassistenz. Gelingt er, hat Deutschland neben Bosch und der Conti-Schaeffler-Allianz einen dritten Mega-Zulieferer in der 30-Milliarden-Liga. Der Automobilstandort profitiert davon: Egal, wo Autos auf der Welt hergestellt werden, mindestens einer der „Big German Three“ dürfte immer an Bord sein.

Februar: Auf einem Testgelände in Südfrankreich präsentiert BMW neue Entwicklungen seines Efficient-Dynamics-Programms. In den Workshops wird klar, wie schmal der Grad ist, auf dem Entwicklungsingenieure in der Automobilindustrie heute wandern. Natürlich ist die Verringerung des Luftwiderstands ein wichtiger Hebel, um die Fahrwiderstände und damit den Kraftstoffverbrauch zu senken. Aber wenn die Kunden nun einmal Sport-Geländewagen wünschen, dann ist die Stirnfläche nicht beliebig zu vermindern. Also tricksen die Ingenieure, um die CO2-Flottengrenzwerte dennoch zu erreichen. Zum Beispiel, in dem sie die Felgen zweifarbig ausführen: Die vom Aluminium gebildete Form wird durch schwarze – und damit fast unsichtbare – Kunststoffteile vergrößert, so dass der störende Luftstrom durch die Felge deutlich verringert wird.

März: Zu den Begegnungen des Jahres gehört jene mit der Unternehmerin Sabine Bender-Suhr. Als Mutter führt sie einen großen Mittelständler der Elektrotechnik mit fast 700 Mitarbeitern. Von der Frauenquote hält sie rein gar nichts. Stattdessen plädiert sie dafür, dass Männer und Frauen durch bessere Arbeitsbedingungen die Chance bekommen, Beruf und Familie besser zu vereinen. Bender-Suhr: „Wir müssen uns von dem alten Ideal der immer währenden Verfügbarkeit und der 60-Stunden-Woche verabschieden, wenn wir jungen Menschen eine Karriere-Perspektive bieten wollen.“ Wenn doch die angestellten Manager in der großen Industrie (und auch der Verlagsbranche) auf diese kluge Unternehmerin, die mit ihrem eigenen Vermögen für ihren Betrieb einsteht, hören würden!

April: Der Monat beginnt mit dem nur alle vier Jahre stattfindenden Schaeffler-Kolloquium in Baden-Baden. Gemeinsam mit meinen zwei Kollegen aus der Text-Gilde habe ich den Tagungsband gestaltet und weiß daher, welche Ideen uns erwarten. Und dennoch: Es ist schon beeindruckend, wenn Ingenieure leidenschaftlich davon berichten, wie viel nach rund 150 Jahren Entwicklung am Verbrennungsmotor noch zu verbessern ist. Zum Beispiel, in dem man die elektrische Maschine in einem Hybridantrieb dazu nutzt, die Drehungleichförmigkeit des Verbrenners durch gezielte Variation des Drehmoments (der E-Maschine!) zu dämpfen. Oder dass man auch bei einem Dreizylindermotor einen Zylinder abschalten kann, um bei niedriger Last einen besseren Verbrauch zu erreichen. Man muss die Abschaltung dann umlaufend gestalten, also der Reihe nach jeden Zylinder für einen Arbeitstakt stilllegen. Es entsteht eine Art Achttaktmotor. Mutige Ideen!

Mai: Viele Veranstaltungen, darunter der Kongress der Branchenzeitung Automobilwoche am Münchner Flughafen. Audi-Chefentwickler Ulrich Hackenberg und sein Kollege Peter Mertens von Volvo loben das Zeitalter des automatisierten Fahrens aus. Wirklich gebannt lauschen aber alle bei dem Vortrag eines Exoten: Heribert Reiter, Entwicklungschef des Landmaschinenherstellers AGCO/Fendt, berichtet vom autonomen Fahren auf dem Acker – das längst begonnen hat. Abgesehen davon, dass wir Tekkies schon als Kinder von Traktoren fasziniert waren: Der Blick über den Tellerrand lohnt immer. (Leider erreicht uns Ende des Jahres die traurige Nachricht, dass Guido Reinking nach langen Jahren die Chefredaktion der Automobilwoche abgibt.)

Juni: Auf der Getriebetagung des VDI steht eine zentrale Frage im Vordergrund: Wie viele Gänge braucht das Getriebe der Zukunft noch. Anerkennte Fachleute wie der Daimler-Entwickler Carsten Gitt fragen angesichts von Neun-Gang-Getrieben: „Was tun wir da eigentlich?“ Bei allem Stolz auf die High-Tech-Antriebe stellt er die zunehmende Komplexität in Frage. „Bei steigenden Stückzahlen elektrifizierter Antriebe sollten wir über neue Getriebesysteme nachdenken.“ Für das Nachdenken auf dem Weg gibt Gitt seinen Kollegen zwei Anregungen mit: die elektrische Leistung solle möglichst gering gehalten werden, gleichzeitig der mechanische Aufwand sinken.

Juli: Audi feiert mit einer Veranstaltung in Kopenhagen das 25-jährige Jubiläum des TDI-Motors. Der erste Turbodiesel mit Direkteinspritzung veränderte in der Tat die Antriebswelt. Nicht nur, weil über kurz oder lang alle Wettbewerber folgten, sondern weil der Benziner mit reichlich Verzögerung sowohl die Aufladung als auch die direkte Einspritzung in den Brennraum übernahm. Okay, es handelt sich immer noch um einen Motor, der fossile Kraftstoffe verbrennt. Doch was mancher Öko-Begeisterte nicht wahr haben will: Ein gut verkaufter Motor, der 25 Prozent weniger CO2 emittiert, und zwar im realen Straßenverkehr, stellt einen größeren Beitrag zum Umweltschutz dar, als ein Elektroantrieb, der scheinbar CO2-frei von niemandem genutzt wird. Allerdings sind Diesel und Elektro keine Gegner, wie Audi auf der Veranstaltung anhand einiger Prototypen demonstriert. Mit einem elektrischen Lader fährt der Diesel in Zukunft nicht nur deutlich flotter, sondern auch noch verbrauchsgünstiger. There’s always room for improvement…

August: Laurin Paschek wird zum Partner des Redaktionsbüros delta eta. Ein Gewinn für unsere Kunden, die jetzt auf doppelte Schubkraft vertrauen können. Und ein Gewinn für mich, denn die Arbeit mit ihm macht ungeheuren Spaß.

September: Ich recherchiere viel für die Medizintechnik-Ausgabe der AMPERE, das Magazin des ZVEI, das von uns komplett betreut wird. Eine Erkenntnis: Wir haben viel zu viel Angst vor Big Data. Denn durch die (selbstverständlich anonymisierte) Dokumentation aller Krebserkrankungen kann die Therapie künftig ganz individuell auf die genetische Veranlagung des Patienten und den Tumor abgestimmt werden. Bei Brustkrebs zum Beispiel verbessert sich dadurch nicht nur die Heilungschance, sondern es kann in vielen Fällen auch auf die sehr belastende Chemotherapie verzichtet werden. Wir sollten uns nicht dagegen sperren, dass Daten über uns gesammelt werden, sondern vielmehr darum kümmern, wer das tut und wie er es tut.

Oktober: 95 Gramm sind machbar. Der EU-Flottengrenzwert für den CO2-Ausstoß ist zu vernünftigen Kosten (weniger als 1.000 Euro pro Auto) zu erreichen, das ist die Botschaft eines Workshops, den die Zulieferer Continental und Schaeffler im fränkischen Schlüsselfeld durchführen. Eine Voraussetzung ist die Einführung eines 48-Volt-Teilbordnetzes, ein Thema das sich auch durch die wichtigen Fachkongresse des Jahres zieht. Denn die milde Elektrifizierung mit geringer elektrischer Zusatzleistung (etwa 15 Kilowatt) bringt eine spürbare Verringerung des Kraftstoffverbrauchs um rund zehn Prozent. Kombiniert mit weiteren Maßnahmen, etwa zur schnelleren Aufheizung des Verbrennungsmotors und des Abgaskats nach einem Kaltstart sind 17 Prozent Einsparung möglich. Bislang hat sich allein Audi öffentlich zur Einführung der 48-Volt-Technik bekannt. Zögern die anderen noch? Und wenn ja warum?

November: Die Volkswagen-Forschung ist auf dem riesigen Werksgelände in Wolfsburg eher unscheinbar untergebracht. Spektakulär ist hingegen das Doppelinterview, das ich dort führen darf: Jürgen Leohold, Forschungschef des Unternehmens, trifft auf J. Christian Gerdes von der Stanford University. Unser Thema ist das automatisierte Fahren – und damit die Frage, wann und wie wir dem Auto die vollständige Kontrolle überlassen. Das Gesprächsprotokoll ist zu lesen in der kommenden Ausgabe von MOMENTUM – das Magazin, das Volkswagen mit dem Geschäftsbericht herausgibt und das redaktionell von uns erstmals komplett betreut wird.

Dezember: Fracking macht in Deutschland vielen Menschen Angst. Für „bild der wissenschaft“ arbeite ich an einem großen Report und besuche daher eine VDI-Tagung zu diesem Thema. Dort trägt mit Hans-Joachim Kümpel der oberste Geologe Deutschlands vor. Wie andere Experten vertritt der Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe auch die Meinung: Eine Gefährdung der Umwelt und insbesondere des Trinkwassers ist auszuschließen. Wie kommt es dann, dass die Leiterin des Bundesumweltamtes Fracking als „Hochrisikotechnologie“ bezeichnet? Und das bei der Vorstellung eines Gutachtens, das ihre Behörde in Auftrag gegeben hat und dessen Hauptautor sagt: Stimmt nicht, Fracking ist nicht gefährlicher als jede Form der konventionellen Erdgasförderung. Ins Bundeskabinett hat es das neue Fracking-Gesetz dieses Jahr nicht mehr geschafft. Die Regierungspolitik betreibt nicht Aufklärung, sondern kapituliert vor dem vermeintlichen Wählerwillen. Putin wird’s schon richten…

Unser Jahresfazit: Fortschritt ist nie linear, sondern vollzieht sich in kleinen Dosen, manchmal in die richtige Richtung, manchmal in die exakt entgegengesetzte, zumindest in demokratischen Gesellschaften. Wir lieben den Diskurs und das ist gut so! Jedenfalls ist der Optimismus berechtigt, dass wir durch Innovationen auch 2015 einer wirklich nachhaltigen Wirtschaft etwas näher kommen. delta eta wird das weitere Geschehen aufmerksam und neugierig begleiten. Johannes Winterhagen

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Ein Gedanke zu „Blick in den Rückspiegel: Mein Jahr 2014

  1. Hallo Herr Winterhagen,

    ein sehr schöner, inspirierender Jahresrückblick. Technologie fasziniert eben immer wieder.

    Schöne Feiertage und ein erfolgreiches und gesundes neues Jahr Michael Zell

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