Lass mich mal ans Steuer

GÖTEBORG. Tatsächlich. Auch in Schweden gibt es Staus oder zumindest stockenden Verkehr. Freitag nachmittags zumindest, wenn die meisten der 533.000 Einwohner in der zweitgrößten Stadt Schwedens in ihr „Sommerhus“ streben. Trotz des dichten Verkehrs ist mein Fahrer, der Volvo-Ingenieur Mikael Thor, völlig entspannt. Er drückt einen Knopf auf dem Lenkrad und überträgt die Verantwortung für Längs- und Querführung seiner Limousine. Die bremst automatisch und beschleunigt wieder, ganz ohne sein Zutun. Gut, das können moderne Premiumautos auch in München, Stuttgart oder Ingolstadt. Aber Mikael lässt auch das Lenkrad los und plaudert mit mir. Das Fahrzeug folgt durch alle Kurven treu der Spur.

Als gelernter Nerd vertraue ich der Technik, ganz wohl ist mir aber doch nicht. Denn noch kann der erste Prototyp eines autonom fahrenden Volvos keine Spurwechsel ausführen – Ausweichen ist also nicht, der Fahrer muss also ständig konzentriert überwachsen, ob die Maschine tut, was sie soll. Es fühlt sich ein wenig an, als müsse man neben seiner Waschmaschine Wache stehen anstatt die Zeit sinnvoll zu nutzen. Sicher warten schon wieder zehn neue Mails auf Antwort.

Allerdings handelt es sich eben nur um einen ersten Prototypen. Spätestens im Jahr 2018 sollen 100 Volvos auf dem rund 50 Kilometer langen Autobahnring um die Stadt vollautomatisch fahren, Spurwechsel inklusive. Der Großversuch kosten mehr als 50 Millionen Euro, von denen die schwedische Behörde für Verkehrssicherheit und die Stadt Göteborg rund die Hälfte bezahlen. Auffahrunfälle und andere durch menschliche Unaufmerksamkeit verursachte Unfälle sollen dann der Vergangenheit angehören. Damit ist Volvo der erste Automobilhersteller, der autonomes Fahren im großen Stil im öffentlichen Verkehr mit realen Kunden testet.

Alle Automobilhersteller arbeiten derzeit intensiv am selbstfahrenden Auto. Wann die Maschine uns das Autofahren eines Tages wirklich abnimmt, jenseits allzu trägen Schleichens im Stau, ist allerdings ungewiss. Viele Fragen müssen noch beantwortet werden, die meisten haben wenig mit der allmählich reifenden Technik zu tun, sondern damit, was rechtlich zulässig ist und was Kunden zu akzeptieren bereit sind. So überholen uns auf unserer Testfahrt alle anderen Verkehrsteilnehmer, auch jeder Laster. Denn ein autonomes Fahrzeug wird niemals das Geschwindigkeitslimit übertreten (siehe Video). Immerhin: Volvo drückt sich nicht vor der Verantwortung. Der Fahrer wird nicht vor jeder Fahrt bestätigen müssen, dass er allein die Verantwortung für die Einhaltung der Verkehrsregeln hat und jederzeit mit einer Fehlfunktion zu rechnen hat. Dies zumindest verspricht Anders Eugensson, der die Regierungsbeziehungen von Volvo verantwortet. „Gegenüber dem Kunden haben wir die Verantwortung“, sagt er klar und bekräftigt das Ziel des Herstellers: Ab 2020 soll kein Insasse eines neuen Volvos mehr im Verkehr sein Leben verlieren.

Dazu wird der Volvo der Zukunft seinen Fahrer notfalls überstimmen. Ein Selbstmörder, der in den Gegenverkehr rast? Unmöglich, das Auto würde selbsttätig ausweichen und bremsen. „Wie das Pferd eines Cowboys, das vor eine Schlucht zum Stehen kommt“, vergleicht EugenssonThelma & Louise hat er wohl nicht gesehen. Wo endet die Autonomie des autonomen Autos? Und verschafft das autonome Auto dem Menschen mehr Zeit-Autonomie? Gedanken, nur so, am Rande einer ungewöhnlichen Testfahrt.

Mobility, die zweite

Wie viel kleiner können Verbrennungsmotoren noch werden? Warum glaubt Toyota an die Brennstoffzelle? Wie viel Effizienzsteigerung ist durch Aerodynamik möglich? Sind 48-Volt-Hybride der optimale Kompromiss unter Kosten-Nutzen-Aspekten? Können Elektrofahrzeuge künftig während der Fahrt geladen werden?

Diese Fragen – und weitere – beantwortet die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift „Mobility 2.0“, die vor wenigen Tagen erschienen ist. delta eta übernimmt für den Verlag publish-industry seit Jahresanfang die komplette redaktionelle Betreuung der Zeitschrift. Das erst 2010 gegründete Magazin bietet Informationen auf Systemebene und bietet Entscheidern somit einen Überblick über aktuelle Technologietrends.

Lesen Sie mal rein. Hier kann die elektronische Ausgabe heruntergeladen werden.