Braunkohle statt Erdgas: Wird Irsching abgeschaltet?

Das modernste Gaskraftwerk in Europa steht vor dem Aus. Eon-Chef Johannes Teyssen drohte am Freitag in einem emotionalen Vortrag an der Evangelischen Akademie Tutzing damit, das Gaskraftwerk in Irsching wegen mangelnder Rentabilität zu schließen. Wörtlich sagte Teyssen: „Wir können es auch auseinanderschrauben und anderswo aufstellen.“ Hintergrund für die Wutrede ist die geringe Auslastung des Kraftwerks, es kommt derzeit nur auf 500 statt der geplanten 5.000 Vollaststunden. Die Miteigentümer des Blocks 5 – Stadtwerke aus Darmstadt, Frankfurt und Nürnberg – hätten ihn bereits im November des letzten Jahres aufgefordert, die auflaufenden Verluste zu stoppen.

Die geringe Laufzeit des Gaskraftwerks resultiert aus der Gestaltung des Strommarktes. Der Bedarf wird zunächst durch die erneuerbaren Energien gedeckt, die absolute Vorfahrt genießen, für den verbleibenden Rest – je nach Witterung 0 bis 100 Prozent – werden fossile Kraftwerke zugeschaltet. Über die Reihenfolge der Zuschaltung entscheidet das „Merit Order“-Verfahren, bei dem immer das nächstgünstige Kraftwerk den Zuschlag erhält. Damit gewinnt zunächst immer die Braunkohle, die überwiegend in bereits angeschriebenen Kraftwerken verbrannt wird. Dass bei der vergleichsweise teuren Stromerzeugung in einem Gaskraftwerk pro Kilowattstunde weniger als halb so viel Kohlendioxid entstehen, ist kein Kriterium. Denn die CO2-Emissionszertifikate, die ein Kraftwerkbetreiber benötigt, sind derzeit praktisch kostenlos, da mehr Zertifikate im Markt sind, als benötigt werden.

Sauber, aber weitgehend arbeitslos: Gasturbine für Irsching

Sauber, aber weitgehend arbeitslos:        Gasturbine für Irsching

Tatsächlich ist der Marktanteil des Braunstroms seit der Abschaltung von acht Kernkraftwerken nach dem Reaktorunglück in Fukushima signifikant gesunken, er betrug 2012 bereits 25,7 Prozent an allen Primärenergieträgern – das saubere Erdgas hingegen sank im gleichen Jahr um mehr als zwei Prozent auf 11,3 Prozent. Dementsprechend werden vermutlich die CO2-Emissionen aus dem Energiesektor 2012 um rund zwei Prozent gestiegen sein.

Als Lösung für das Problem schlagen derzeit viele Politiker wie der energiepolitische Sprecher der CSU Georg Nüsslein die Schaffung eines Kapazitätsmarktes vor. Kraftwerksbetreiber sollen dafür Geld erhalten, dass ein Kraftwerk überhaupt am Netz bleibt. „Wir brauchen rasch ein neues Marktdesign“, forderte Nüsslein in Tutzing und klang dabei fast so fordernd wie ein Oppositionspolitiker. Wie ein solches Modell konkret aussehen soll, konnte Nüsslein jedoch nicht darlegen. Vor der Bundestagswahl wird hierzu wohl keine Entscheidung mehr fallen.

Kurzfristig wird Eon vermutlich einen Antrag stellen, mindestens einer der zwei Blöcke in Irsching vom Netz zu nehmen. Die Erlaubnis dazu muss die Bundesnetzagentur erteilen – und wird sie vermutlich verweigern. Denn im klirrend kalten Februar 2012, als weite Teile Süddeutschlands kurz vor einem großflächigen Stromausfall standen, wären ohne Irsching die Lichter ausgegangen.

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